"Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft"
Rudolf Virchow (1821-1902)
Salomon Neumann (1819-1908)

Salomon-Neumann-Medaille

am 14.09.16 im Erich-Brost-Pavillon auf Zeche Zollverein, Essen

„Begründung“ für die Verleihung der Salomon-Neumann-Medaille 2016

„Gesundheitsmonitoring“ des Robert Koch-Instituts, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Leiterin Frau Prof. Dr. B. Kurth

Die Salomon-Neumann-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention wird in diesem Jahr an das Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Institutes (RKI), namentlich an die Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring des RKI mit ihrer Leiterin Bärbel Kurth verliehen. Die Gesellschaft verleiht seit 1986 die Salomon-Neumann-Medaille für besondere Verdienste um die Präventiv- und Sozialmedizin. Salomon Neumann (1819-1908) war einer der bedeutendsten Vertreter der Sozialmedizin, dessen Satz „Medicin ist eine Sociale Wissenschaft“ auf der Medaille eingeprägt ist. Warum das Gesundheitsmonitoring des RKI genau diesen Leitspruch auf beste Weise verkörpert, soll folgend kurz begründet werden.

Gesundheitsmonitoring bedeutet die regelmäßige Beobachtung und Beschreibung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung. In Form der amtlichen Statistik war es schon lange ein Steuerungsinstrument für die Gesundheitspolitik und den öffentlichen Gesundheitsdienst. Gesundheitsmonitoring hat aber mit Konzepten wie New Public Health, Programmatiken wie Gesundheit für alle bis 2000 oder der Ottawa Charta einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Es ist integraler Bestandteil des Public Health Action Cycle und in den 2012 von der WHO formulierten „10 Essential Public Health Operations (EPHOs)“ steht die „surveillance of population health and well-being“ an erster Stelle. Ohne die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, und das heißt im Bereich von Public Health insbesondere auch die soziale Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, kann es keine gute Gesundheitspolitik geben. Der Sozialstatus ist schließlich der zentrale Einflussfaktor auf die Gesundheit der Bevölkerung.  Dazu war allerdings ein Umdenken im Hinblick auf die Funktion von Monitoring und Reporting, von Datenerfassung und Berichterstattung notwendig. Es musste begriffen werden, dass Gesundheitsmonitoring und -berichterstattung Grundlagen für das Handeln im Gesundheitsschutz und in der Gesundheitsförderung schaffen müssen: „Erkennen, Bewerten, Handeln“ hat das RKI seinerzeit den Ergebnisbericht zur KiGGs-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) überschrieben. Konkret hieß dies, dass an Stelle der traditionellen Medizinalberichte, die auf einer reinen Darstellung krankheitsbezogener Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken beruhen, eine umfassendere und handlungsorientiertere Berichterstattung notwendig wurde. Um handeln zu können, muss erstens das gesamte Spektrum von Gesundheitsverhalten und -gefährdungen, Krankheiten, Leistungen und Inanspruchnahme, bis hin zu Kosten und Finanzierung des Gesundheitswesens berücksichtigt werden. Zweitens ist eine zielgruppenorientierte Erhebung und spezifischere Datenanalyse notwendig. So ermöglicht bspw. eine kleinräumige und gruppenspezifische Betrachtungsweise - nach Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund oder Bildungsstand - vulnerable Bevölkerungsgruppen zu identifizieren. Und drittens müssen die Daten in einer verständlichen Form aufbereitet und zugänglich gemacht werden. Gesundheitsmonitoring ist wissenschaftsbasiert, aber adressiert über die Wissenschaft hinaus schließlich auch die Politik, die Akteure im Gesundheitswesen und die Bevölkerung insgesamt. Unzweifelhaft hat das Gesundheitsmonitoring in Deutschland in den letzten 20 Jahren diese Aufgabenerweiterung angenommen. Mit den großen Surveys des Robert Koch-Instituts, KiGGS, DEGS und GEDA, wurden gravierende Datenlücken zur Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland geschlossen, insbesondere auch, was die soziale Differenzierung vieler Sachverhalte angeht. Das Gesundheitsmonitoring des RKI hat sich damit zu einem zentralen Instrument für Public Health in Praxis, Politik und Wissenschaft etabliert. Es ist Basis für das Konzept Nutzung der Daten für Taten, für die Entwicklung von Gesundheitszielen, für die Initiierung und Evaluation von gesundheitspolitischen Maßnahmen sowie für die Gesundheits-, Armuts- und Reichtumsberichterstattung und, last but not least, Impulsgeber auch für viele Entwicklungen der Gesundheitsberichterstattung auf den regionalen Ebenen der Länder und der Kommunen.  Das RKI ist die zentrale Institution des Gesundheitsmonitorings in Deutschland. In der Fachaufsicht des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) angesiedelt, ist das RKI sowohl für die Durchführung des Gesundheitsmonitorings als auch für die Publikationen der Gesundheitsberichterstattung zuständig. Dieser Aufgabe stellen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts seit mehr als 20 Jahren. Die seit 1998 in regelmäßigen Abständen durchgeführten bundesweiten Gesundheitssurveys (mit insgesamt mehr als 172.000 Teilnehmer/innen) liefern Informationen zu Gesundheit und Gesundheitsverhalten der in Deutschland lebenden Bevölkerung, die über andere Quellen nicht verfügbar waren.  Das Gesundheitsmonitoring am RKI ist ein lernendes und wachsendes System. Aktuell werden neue Zugangswege, Instrumente und Methoden entwickelt, um der Dynamik der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland gerecht zu werden: Die Einbeziehung hochaltriger Menschen in die Gesundheitssurveys, um die Determinanten für ein „Healthy Ageing“ zu erforschen, ist ebenso ein neues Arbeitsfeld wie die adäquate Einbeziehung von Menschen mit Migrationshintergrund oder die intensivere Betrachtung der psychischen Gesundheit – alles große Herausforderungen für die Gesundheitspolitik und ohne gute Daten nicht zu bewältigen. Dass das RKI dabei auch international unterwegs ist, versteht sich von selbst. Die Mitarbeit an der Etablierung eines europäischen Monitorings unter Nutzung der eigenen Erfahrungen öffnet die Wege zu einer internationalen Vergleichbarkeit. Denkt man zurück an die Feststellung des Sachverständigenrats 1987, dass es Deutschland an einer aussagekräftigen Gesundheitsberichterstattung fehle und führt sich noch einmal die damalige Diskrepanz zum Stand der Dinge etwa in den angelsächsischen Ländern vor Augen, so kann man auf eine außerordentlich erfolgreiche Entwicklung zurückblicken. Das Bild, das wir heute von der Gesundheit der Bevölkerung und von der essentiellen Bedeutung sozialer Einflussfaktoren haben, ist maßgeblich von dieser Entwicklung mitgeprägt und damit vom RKI, seinem Monitoring und – weil nichts ohne engagiert handelnde Menschen besser wird – von Bärbel-Maria Kurth und ihrem Team, das daher in diesem Jahr mit der Salomon-Neumann-Medaille geehrt wird.

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