"Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft"
Rudolf Virchow (1821-1902)
Salomon Neumann (1819-1908)

Medicin ist...

"Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft."

Zur Genese eines Zitats

In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Satz "Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft" gleich zwei Männern zugeschrieben: Rudolf Virchow und Salomon Neumann. Anhand der zeitlichen Abfolge der Publikationen zeigt sich, dass das Argument ursprünglich von Salomon Neumann entwickelt wurde. Doch erst durch die Debatte innerhalb des Kreises fortschrittlicher Berliner Ärzte, die sich in der preußischen Medizinalreformdebatte und der Märzrevolution 1848 engagierten, wurde es als politischer Begriff wirkungsmächtig. Für diese Ärzte war der Gesundheitszustand des Einzelnen wie der Gesamtgesellschaft auch Resultat der gesellschaftlichen Begebenheiten (z.B. Wohlstand und Bildung). Die Medizin müsse die Ursachen der Krankheiten nach (natur-)wissenschaftlichen Methoden erforschen und dabei auch die gesellschaftlichen Bedingungen berücksichtigten (z.B. durch eine umfassende sozialmedizinische Statistik). Folgerichtig seien die Mediziner aufgerufen, die gesellschaftlichen Bedingungen zur Verbesserung des Gesundheitszustandes politisch zu verändern.

Erstmals in diesem Sinne äußerte sich Salomon Neumann in seiner Schrift Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum aus dem Jahr 1847 auf in der Form: "[...] die medizinische Wissenschaft ist in ihrem innersten Kern und Wesen eine sociale Wissenschaft".

Das vollständige Zitat lautet: "Eine weitere Ausführung dieser Frage, welches denn die eigentliche naturgemäße Organisation der menschlichen Gesellschaft sei, wäre in der That keine Ueberschreitung des kompetenten Gebiets einer Frage, die sich mit Leben und Gesundheit der Menschen beschäftigt, denn die medizinische Wissenschaft ist in ihrem innersten Kern und Wesen eine sociale Wissenschaft, und so lange Bedeutung in der Wirklichkeit nicht vindicirt sein wird, wird man auch ihre Früchte nicht genießen, sondern sich mit der Schaale und dem Scheine begnügen müssen." (Salomon Neumann: Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum. Kritisches und Positives mit Bezug auf die preußische Medizinalverfassungs-Frage, Berlin 1847, S. 64-65.)

Rudolf Virchow griff den Satz erstmals am 20. Dezember 1847 auf. An diesem Tag hielt er auf der Jahressitzung der Gesellschaft für wissenschaftliche Medizin zu Berlin einen Vortrag mit dem Titel "Die naturwissenschaftliche Methode und die Standpunkte in der Therapie":

"Der Physiolog und der praktische Arzt werden, wenn die Medicin als Antropologie einst festgestellt sein wird, zu den Weisen gezählt werden, auf denen sich das öffentliche Gebäude errichtet, wenn nicht mehr das Interesse einzelner Persönlichkeiten die öffentlichen Angelegenheiten mehr bestimmen wird. Die Medicin ist, ihrem innersten Kern und Wesen nach eine sociale Wissenschaft', wie das Herr Neumann in seiner Abhandlung über die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum [...], welche ihrem Umfange nach klein, aber ihrem Inhalte nach unendlich größer ist, als Allees, was vor ihm in dieser Richtung geleistet ist, mit den scharfen Waffen eiserner Consequenz dargelegt hat." (Rudolf Virchow: Sämtliche Werke, Bd. 4, Abt. I, Medizin, Bern 1992, S. 355-356.)

Auch Rudolf Leubuscher äußerte sich in ähnlicher Weise. Neben Virchow war er Mitherausgeber der Wochenschrift Die medicinische Reform, dem Sprachrohr der demokratischen Ärzte. Die Zeitschrift erschien zwischen Juli 1848 bis Juni 1849 und Salomon Neumann gehörte zu ihren Autoren.

Rudolf Leubuscher in der Ausgabe vom 21. Juli 1848: "Der Staat d. h. die Gesammtheit der Individuen hat die Verpflichtung längst erkannt, das feststehende Eigenthum eines jeden Einzelnen zu schützen, aber in der Anerkennung der Verpflichtung, das physische Wohl der Staatsbürger, ihre Gesundheit, ihre kostbarstes Eigenthum, zu wahren, das natürliche, angeborne Recht eines jeden Menschen wird die medicinische Gesetzgebung noch viele Lücken auszufüllen haben. Die Medicin ist eine rein sociale Wissenschaft; in diesem Augenblicke fehlt diesem Worte jedoch noch der praktische Inhalt." (Rudolf Leubuscher: "Zur Reform der Sanitätspolizei", in: Die medicinische Reform. Eine Wochenschrift, erschienen vom 10. Juli 1848 bis zum 29. Juni 1849, Reprint, Berlin 1983, S. 11.)

Erneut Rudolf Virchow am 3. November 1848: "Und wer kann sich darüber wundern, dass die Demokratie und der Socialismus nirgend mehr Anhänger fand, als unter den Aerzten? dass überall auf der äussersten Linken, zum Theil an der Spitze der Bewegung, Aerzte stehen? die Medizin ist eine sociale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts, als Medicin im Grossen". (Rudolf Virchow: "Der Armenarzt", in: Die medicinische Reform. Eine Wochenschrift, erschienen vom 10. Juli 1848 bis zum 29. Juni 1849, Reprint, Berlin 1983, S. 125.)

Als Salomon Neumann dann im Mai 1849 seine Studie Zur medicinischen Statistik des preussischen Staates veröffentlichte, lautete die Überschrift des zweiten Kapitels: "Die medicinische Wissenschaft ist eine sociale Wissenschaft". (Salomon Neumann: Zur medicinischen Statistik des preussischen Staates. Nach den Acten des statistischen Büreau's für das Jahr 1846, Berlin 1849.)

(Günter Regneri, 2011)

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