"Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft"
Rudolf Virchow (1821-1902)
Salomon Neumann (1819-1908)

Salomon Neumann

Salomon Neumann - eine biographische Annäherung

Salomon Neumann wurde am 22. Oktober 1819 im pommerschen Pyritz als Kind einer jüdischen Kleinhändlerfamilie geboren. 1838 legte er in Berlin das Abitur ab. Er studierte Medizin an den Universitäten zu Berlin und Halle-Wittenberg, wo er 1842 promovierte. Anschließend erweiterte er seine Kenntnisse in Wien und in Paris, den damaligen Zentren der modernen Schulmedizin. 1845 ließ sich Salomon Neumann in Berlin als Arzt nieder.

Wenn hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht, die ihm den Rücken frei hält, hieß für Salomon Neumann diese Frau Amalie Hurwitz. 1857 heiratete er die Hauslehrerin aus Hildesheim. 1864 erblickte Tochter Elsbeth das Licht der Welt.

Mit dem Buch "Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum" mischte sich Neumann im Jahr 1847 in die Debatte um die preußische Medizinalreform ein. Aus dieser Schrift stammt auch das Credo der Sozialmediziner, "die medizinische Wissenschaft ist in ihrem innersten Kern und Wesen eine sociale Wissenschaft." In den Kämpfen um eine Medizinalreform lernte Neumann Rudolf Virchow kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte.

Nach der gescheiterten 1848er Revolution engagierte sich Neumann im Berliner Gesundheitspflegeverein. Aus den gesammelten Daten, die die Ärzte dieses Vereins zusammentrugen, publizierte er regelmäßige Berichte über Mortalität und Krankheitsverteilung, die erste, wissenschaftlich fundierte, medizinische Gewerbestatistik in Deutschland.

Im Dezember 1858 kandidierte Salomon Neumann erfolgreich für einen Sitz im Berliner Kommunalparlament. In den 46 Jahren als Stadtverordneter verschrieb er sich der hygienischen Modernisierung. Damals hatte Berlin kein eigenes Krankenhaus. Die Stadt verfügte weder über eine leistungsfähige Trinkwasserversorgung, noch über ein modernes Abwasserentsorgungssystem. Erst 1873 konnte mit den Bauarbeiten für ein unterirdisches Kanalsystem begonnen werden. 1877 und 1893 wurden zwei große Wasserwerke in Betrieb genommen, die eine qualitativ hochwertige Trinkwasserversorgung auf Jahrzehnte gewährleisten konnten. 1874 eröffnete das erste von mehreren modernen Krankenhäusern unter städtischer Verwaltung. Neumann trieb diese Entwicklungen mit voran als Mitglied in den verantwortlichen Kommissionen der Stadt Berlin. So wurde Berlin um 1900 ein weltweites Vorbild in Fragen der städtischen Hygiene.

Im Jahr 1861 organisierte Salomon Neumann die Volkszählung in der Stadt Berlin. Für die Zählung entwickelte er ein System mit Zähl- und Kontrolllisten, das die Erhebung von Sozialdaten und deren Nutzung durch die Kommune ermöglichte. Die Zählung verlief so erfolgreich, dass Neumanns Organisationsprinzipien in der nächsten Volkszählung von mehreren preußischen Großstädten kopiert wurden.

Als der Berliner Geschichtsprofessor Heinrich Treitschke im November 1879 eine publizistische Debatte über die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation lostrat - berüchtigt ist das von ihm geprägte Schlagwort "Die Juden sind unser Unglück!" - reagierte Neumann mit einer demographischen Studie. In seiner Schrift "Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung", die sich ausschließlich auf offizielle Statistiken stützte, wies Neumann nach, dass die von den Antisemiten immer wieder behauptete jüdische Einwanderung aus den östlichen Nachbarstaaten nur ein Mythos war.

1903 starb Amalie Neumann. Neumann selbst erlitt im Jahr 1905 einen Schlaganfall. Er trat daraufhin von allen öffentlichen Ämtern zurück, so auch von seinem Stadtverordneten-Mandat. Salomon Neumann starb am 20. September 1908.

Günter Regneri
Salomon Neumann
Sozialmediziner - Statistiker - Stadtverordneter
Hentrich & Hentrich, Berlin
1. Auflage, 2011

© 2017 Lehrstuhl für Medizinmanagement